Wie viel Kunst braucht die Stadt?
Pressemitteilung - Futur 3 Kunstfestival 2018

Das Kunstfestival Futur 3 füllt auch dieses Jahr die Leerstände der Kieler Innenstadt einen Monat lang mit Kunst und Kultur - und hat etwas zu sagen.

Am letzten Freitag (05.10.) öffnete das Kieler Kunstfestival FUTUR 3 seine Pforten: Bereits am Eröffnungswochenende besuchten über 1100 Gäste die Ausstellungsflächen in der Flämischen Straße 6-10 und der Schlossstraße 6 sowie die Eröffnungsfeier in dem ehemaligen Gebäude der Kieler Hauptpost am Stresemannplatz.

Einmal mehr haben es sich die Initiatoren des Festivals, das Netzwerk für revolutionäre Ungeduld, zum Ziel gemacht, zu zeigen, dass die allmählich aussterbende Innenstadt nicht nur ein Problem von Kommune, Eigentümern und Einzelhandel ist - sondern auch eine Aufgabe für die Kunst. Denn die über 1000m2 großen Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen, auf denen zeitgenössische künstlerische Positionen und Veranstaltungsformate aus Deutschland und aller Welt präsentiert werden, waren kurz zuvor noch innerstädtische Leerstände, teilweise finden sie seit Jahren keine Mieter.

Ein buntes und spartenübergreifendes Programm in verlassenen Räumen. „Wir sind der Überzeugung, dass es eine Stärke und Qualität der Kunst ist, gerade da aktiv zu werden, wo ökonomische Verfahrensweisen versagen“, sagt Christian Kaesler, einer der Kuratoren des Festivals. „Das hat einen ganz eigenen Wert, es geht auch darum, diese Räume wieder mit Ideen und Leben zu füllen.“

Und lebendig geht es tatsächlich zu: 15 künstlerische Positionen bespielen die einem Abrisshaus gleichenden Räume in der Flämischen Straße und die einem Galerieraum ähnelnden Fläche im Schlossquartier. Ergänzt werden die Ausstellungen durch 23 Veranstaltungstermine, bestehend aus Lesungen, Buchvorstellungen, Hörspielabenden, Performances, Workshops, Musikveranstaltungen, Live-Radio und Führungen. Und damit nicht genug, an jedem Wochenende werden weitere Ausstellungsflächen eröffnet - am Freitag, den 12.10. werden Zeichnungen, Grafic Novels und eine Kombination aus Installation und Performance in den Galerieräumen des Club 68 gezeigt, am Freitag darauf (19.10.) stellt der OnSpace in Kiel-Gaarden seine Ausstellung „Nebenprodukte“ vor und am Samstag dem 20.10. schließt die Präsentation einer Illustratoren-Schau im Mum & Dad die Eröffnungsserie ab. Dass ein solches Vorgehen auch über dessen kulturellen Eigenwert hinaus eine Wirkung hat, mag dabei zumindest zeigen, dass der größte Teil der im letzten Jahr genutzten Flächen heute neue Mieter gefunden hat.

Die Poesie der Glückskekse
Sabine Tholund, Kieler Nachrichten – 05.10.18

Die Stadt Kiel wird bis Ende des Monats ein bisschen attraktiver: Das Netzwerk für revolutionäre Ungeduld, ein Zusammenschluss von Kieler Kunst- und Kulturschaffenden, präsentiert im Rahmen des Kunstfestivals Futur 3 Arbeiten von 30 Künstlerinnen und Künstlern – zunächst in leerstehenden Geschäftsräumen, später auch in Galerien wie dem Club 68 und dem OnSpace in Gaarden.

Spannendes ist zu sehen, darunter Malerei, Objekte und Installationen, ausgewählt von einem dreiköpfigen Kuratorenteam.

In der Flämischen Straße lockt ab heute Dorothee Brübachs filigraner Turmbau aus gebrannten Steingut-Stäben in das Innere einer entkernten Raumflucht. Hier flimmert unter anderem ein stummer Animationsfilm von Jano Möckel, der einen Mix aus Röntgenaufnahmen von technischen Geräten und diversen Gemüsesorten zusammengestellt hat, die mit grafisch komplexen, filigranen Strukturen überraschen. Zauberhaft ist das Rendezvous von Kaugummi-Blasen, arrangiert mit filmischer Finesse in einem abgedunkelten Raum von Judith Kuhlmann. Fotografische Reisenotizen, aufgenommen in Chile, Wien und anderswo, hat Esteban Perez mit Sinnsprüchen aus Glückskeksen zu einer poetischen Reihe geordnet. Und der Chinese Zeyang Xu arbeitet sich mit expressiver Malerei in großem Format an der europäischen Kunstgeschichte ab. Reizvoll ist auch die Präsentation wechselnder Diaprojektionen, mit der Achim Kirsch und Stina Kurzhöfer einen Dialog zwischen realen Schnappschüssen und abstrakter Malerei herstellen. Malerei, Zeichnungen und Fotografien haben auch im Schlossquartier Platz gefunden, darunter eine Installation mit Landschaften und (gemalten) Theaterszenen, eine Reihe ausdrucksvoller Porträts und sowie sehenswert skurrile Collagen.

Die Ausstellungen sind ein wichtiger Teil des Festivals, das mit Musik und Lesungen noch eine Menge mehr zu bieten hat. In Diskussionen und Workshops wollen die Veranstalter zudem auf die Situation der Kreativen und freien Künstler aufmerksam machen. „Wenn es um Ausstellungen oder Wettbewerbe geht, müssen wir immer gegeneinander arbeiten“, sagt Lisa Dressler. Der Zusammenschluss soll hier Abhilfe schaffen. „Wir können das kreative Potential der Stadt besser nutzen, wenn wir konkurrenzfrei zusammenarbeiten.“

Um eine bessere Sichtbarkeit der Kunstschaffenden in der Stadt geht es den Mitgliedern des Netzwerks, um alternative Finanzierungs- und Unterstützungskonzepte sowie darum, ein Bewusstsein für den Wert künstlerischer Arbeit zu wecken, die eine Bereicherung für die Stadt darstellt.

„Im Vorweg einer Ausstellung werden Material und Aufbau gefördert, eine Gage gibt es jedoch nicht. Die Künstler rechnen ihre Arbeit quasi in Material- und Reisekosten ab. Für die Realisation des Festivals haben sie und ihre Mitstreiter Förderer gefunden, doch es bleibt schwierig, Künstlergagen zu finanzieren.“

Zum Auftakt des Festivals findet heute in der ehemaligen Hauptpost, dem temporären Veranstaltungshauptquartier, ab 19 Uhr eine Podiumsdiskussion zu den Arbeitsbedingungen der Künstler statt. Zu den eingeladenen Gästen gehören neben den kreativen Mitwirkenden des Festivals unter anderem Arne Zerbst (Muthesius Kunsthochschule), Angelika Stargardt (Stadt Kiel), Volker Sponholz (Kreative Stadt) und Michael Ziehl (Hamburger Gängeviertel).

Revolutionäre und Heilige – „Futur3“ gastiert mit Ausstellung in der Galerie Club 68
Sabine Tholund, Kieler Nachrichten – 12.10.18

Das „Netzwerk für revolutionäre Ungeduld“ lädt im Rahmen des aktuell laufenden Kunstfestivals Futur 3 am Wochenende in die Galerie Club 68, wo eine weitere Ausstellungseröffnung nebst Lesung ansteht. Protagonisten sind die russische Performancekünstlerin Daria Orlova und der bei Berlin beheimatete Ernst Niemand.

Orlova hat eine Installation aufgebaut, in der es um Texte geht. Briefe und Texte ganz unterschiedlichen Alters hat sie an die Wände der Galerie gehängt. Mit ihrer „Agentur Schimmernde Buchstaben“ fordert sie die Besucher dazu auf, die Texte zu lesen und eigene Briefe handschriftlich zu verfassen – „es dürfen auch Mails sein, die sie mit dem Smartphone verschickt haben.“

Die Briefe will sie in ihre Heimatstadt Murmansk schicken, von wo sich vielleicht ein Kommunikationsaustausch ergibt. „Man muss die hier aufgehängten Texte nicht auf Anhieb verstehen“, so die Künstlerin, die bei der Vernissage einen Workshop anbietet. „Für mich ist es wichtig, das Menschen nachdenken und sich Fragen stellen. Ob sie Antworten finden ist zweitrangig.“

Die übrigen Galerieräume sind Zeichnungen vorbehalten, gefertigt in Farbe und Schwarz-Weiß, von einem Künstler der sich hinter dem Namen Ernst Niemand versteckt. Von historischen Gemälden inspiriert sind digital vergrößerte Handzeichnungen, deren Detailfülle zum intensiven Hinschauen zwingt. Der genaue Blick lohnt sich allemal, sind in den Motiven vom Revolutions- bis zum Heiligenbild doch allerlei ironische Kleinigkeiten versteckt, die nicht nur witzig sind, sondern das Gezeigte in anderem Licht erscheinen lassen. Skurrile Geschichten erzählt der Zeichner in kleinformatigen, farbigen Arbeiten, darunter eine Liebesgeschichte, in der eine Dose Bohnen zum Objekt der Begierde wird. Morgen liest Ernst Niemand Kostproben aus seiner „Gräficknovelle“. Der Titel ist Angry White Dude - die Reichsbürgertrilogie.

Frisch ans Werk mit revolutionärer Ungeduld
Kieler Nachrichten – 23.11.18

Team des Kunstfestival Futur 3 bilanziertSchon der Name macht Spaß, weil er so schön querständig ist: Netzwerk für revolutionäre Ungeduld, das klingt so sperrig, wie subversiv-politisch.

Im Aufbruch klingt zugleich eine freche Spur Dada mit – samt der Gewissheit, dass diese Netzwerker durchaus selbstironisch zu Werke gehen. Die Fünf, die dafür gerade stehen, sind Muthesius-Absolventen und Studierende der Freien-Kunst: Jihae An, Clemens Böckmann, Christian Kaesler, Lisa Dressler und Ina Gajewski sind das frische Team, das der Stadt in diesem Herbst zum zweiten Mal ein vielfarbiges Kunstfestival der etwas anderen Art beschert haben.

Vier Wochen im Oktober ging Futur 3 mit 23 Veranstaltungen an vier Orten in der Kieler Innenstadt über die Bühne: Ausstellungen, Lesungen, Podiumsdiskussionen, Konzerte, Hörspiel-Abend, 24-stündiges-Live-Radioprogramm, Workshops und Performance haben die Fünf mit einer wechselnden Schar von bis zu 60 Freiwilligen auf die Beine gestellt.

Festivalzentrum war dabei die ehemalige Hauptpost, wo auch das fulminate Abschlusskonzert des neongelben Offenbacher Kollektives Baby of Control für volles Haus und glückliche Gesichter sorgte.

Klar, das hat Kraft gekostet und angesichts eines schmalen Budgets von 24 000 €uro (Land, Hochschule, Stadt Kiel und Sponsoren) sei es ohne die szene-übliche Selbstausbeutung natürlich gar nicht abgegangen. Clemens Böckmann witzelt, dass er sich seine Arbeitsstunden zwecks Buchführung auf den Arm tätowieren wollte: „Aber so viele Arme habe ich gar nicht.“ Aber Jammern ist so gar nicht das Ding dieser ungeduldigen Revolutionäre, sind sie doch mit der zweiten Ausgabe von Futur 3 angetreten, selbst Verantwortung für die Kulturszene in der Stadt zu übernehmen, in der sie leben wollen.

Sympathisanten dieses Engagement finden sich gleich in der Nachbarschaft zum Festivalzentrum Hauptpost. Peter Kruska, Direktor der Stadtgalerie, findet es gut, dass sich da die ganz Jungen mit Konzepten zur Kunstvermittlung zu Wort melden, die ein Museum eben nicht so leicht umsetzen könne. Ob sie 2019 wieder an den Start gehen? Trotz aller Emphase wollen sich die Fünf noch nicht erklären. Wenn ja, dann konzentrierte und definitiv mit mehr Planungssicherheit, was Räume, Finanzen und Materialkosten für die Künstler angeht.

Mehr Werbung, um die Kreise weiter zu ziehen. Warum nicht mal in der Stadtbücherei oder im Altenheim? Denn eins wollen sie ganz und gar nicht: nur unter sich bleiben.

https://me2be.de/futur-3/

FUTUR 3 – eine Zukunft, die es nicht gibt?! Das Kieler Kunstfestival zur künstlerischen Arbeit

Die alte Hauptpost mit ihrer unverwechselbaren, charakteristischen Glasfront liegt zentral in der Innenstadt, nah am Bahnhof, nah am Wasser. Briefe werden am Stresemannplatz nicht mehr sortiert – das Gebäude steht seit Jahren leer.

Ideale Voraussetzungen für das Kunstfestival FUTUR 3, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Neben den Ausstellungen gibt es Performances, Workshops sowie Lesungen, Konzerte und Hörspielabende. Wer hinter FUTUR 3 steckt, wie die Ziele und die Zukunft des Festivals aussehen, hat unsere Redakteurin Lina bei einem Besuch in der alten Hauptpost erfahren.  Im typischen Kieler Nieselregen erreiche ich die Zentrale von FUTUR 3. Der Maskentheater-Workshop macht gerade Pause, sodass ich die phantasievoll gestalteten Masken bewundern kann.

Wer macht das FUTUR 3?

Offiziell steht dahinter das „Netzwerk für revolutionäre Ungeduld“. Entwickelt und hauptsächlich getragen wird das dreiwöchige Festival von ehemaligen Studierenden der Muthesius Kunsthochschule und freien Kunstschaffenden der Stadt Kiel. Obwohl alle Organisatoren bislang ehrenamtlich tätig sind, wäre FUTUR 3 ohne eine finanzielle Förderung durch die Stadt und der Hochschule nicht möglich. Bereits zum Festivalauftakt steht die Frage nach dem Wert von Kunst im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion. „Was ist Arbeit, was ist Kunst, und muss Kunst immer vermarktbar sein? Oder darf Kunst als freie Kunst nicht auch in einem Raum existieren, wo es nicht um Zahlen geht?“, fragt Lisa Dressler, die das Festival letztes Jahr mitgegründet hat. „Es ist teilweise sehr schwierig, die Stadt davon zu überzeugen, dass etwas, das scheinbar keinen Primärnutzen erzeugt, förderungswürdig ist.“ Eintrittspreise für Konzerte oder Theatervorstellungen sind selbstverständlich, und auch die Förderung von Theatern ist im Kulturleben fest verankert. Das gilt für Ausstellungen keinesfalls. „Es geht darum, klar zu machen, dass alle künstlerischen Tätigkeiten gleichwertig sind. Und dass auch die Ausstellung in einer Galerie mit einem beträchtlichen finanziellen Aufwand verbunden sein kann. Die grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, ein Bewusstsein für den besonderen Wert von Kunst zu schaffen und gleichzeitig alle sozialen Schichten anzusprechen“, so Lisa.

Was will das FUTUR 3?

„Das Festival trägt einen Namen, der von einer Zukunft zeugt, die es gar nicht gibt“, erklärt mir Mitorganisator Clemens Böckmann. Er selbst ist Absolvent der Muthesius Kunsthochschule und hat seinen Master ‚Sprache und Gestalt’ in der Klasse von Oswald Egger gemacht. So gut ihm das Studium auch gefallen hat, wie es für ihn weitergeht, ist ungewiss. Auch deshalb gibt es das Festival. Um einen Raum zu etablieren, wo sich Absolventen der Kunsthochschule vernetzen können, so dass sich ihnen auch berufliche Perspektiven eröffnen. Denn die Studierenden nach dem Abschluss in der Stadt zu halten, „das ist sowohl im Interesse der Menschen, die hier bleiben möchten, als auch im Interesse der Stadt“, meint Lisa, „man hat ja viel Geld, Mühe und Leidenschaft in die Studierenden investiert.“

Das sehen auch die Teilnehmer des Maskentheater- Workshops Théo Thoumine und Malina Bigale ähnlich. Malina studiert im ersten Mastersemester Kunst und Philosophie auf Lehramt; sie bedauert sehr, dass so viele nach dem Studium abwandern. Théo, der im dritten Semester Szenografie studiert, lobt hingegen die Ausbildung an seiner Hochschule. „Die Werkstatt-Situation ist eine der besten in Deutschland, weil wir einen 24-Stunden-Zugang zu den Werkstätten und zu den Ateliers haben. Es gibt außerdem eine sehr intensive Betreuung durch die Lehrenden.“ Dass die Ausbildungsqualität an der Muthesius erstklassig ist, davon zeugt auch die jährlich stattfindende Ausstellung ‚Einblick/ Ausblick‘, in der die Studierenden ihre aktuellen Projekte vorstellen. Nach dem Ende des Kunststudiums fehlen dann aber berufliche Anknüpfungspunkte in der Stadt.

Konkrete Lösungen?

Die Nutzung von leerstehenden Gebäuden macht deutlich – es fehlt an öffentlich geförderten Räumen für Künstler. Auch Ansprechpartner auf Seiten der Stadt, die sich in der Kunstszene gut auskennen oder selbst einen kunstbezogenen Hintergrund haben, wären hilfreich. Clemens betont, dass die freie Kunst ganz anders funktioniert als eine städtische Verwaltung: „Menschen ohne Existenzsicherung, die darauf angewiesen sind, von Woche zu Woche zu denken, stellen eine städtische Bürokratie vor erhebliche Probleme.“ Lisa ergänzt: „Manchmal wissen die städtischen Förderer auch nicht unbedingt, was Künstlerinnen und Künstler brauchen. Und da ist es unsere Aufgabe, nicht einfach zu meckern, dass etwas fehlt, sondern Gespräche mit den Verantwortlichen zu führen.“ Denn nur eine längerfristige Finanzierung sorgt für Planungssicherheit, damit auch das Festival eine Zukunft hat.

Wie sieht die Zukunft von FUTUR 3 aus?

Lisa enthüllt mir große Pläne: „Eine Biennale für den Ostseeraum, darüber denken wir momentan nach. Im skandinavischen Raum ein Kunstfestival zu etablieren, wo Menschen, die sowieso mit der Fähre von Schweden oder Norwegen kommen, in Kiel an etwas teilhaben können.“ Kiel als Kulisse für eine Kunstbiennale der Ostsee? Das klingt für mich nach einer Zukunft, die es unbedingt geben sollte!

Text: Lina Kerzmann

Muthesius - Kunstfestival: „Kunst im Leerstand“
Maren Kruse, Kieler Nachrichten – 19.Okt.2017

Futur 3 ist eine erfundene grammatikalische Form, die sich selbst auf die Schippe nimmt. „Das wollt ihr nicht verpasst gehabt haben“, lautet deshalb der ironische Zuruf von Studierenden der Muthesius Kunsthochschule, die das gleichnamige Kunst- und Kulturfestival gestern in Kiel vorstellten.

Kiel. Zentrum der heute beginnenden und acht Tage dauernden Aktivitäten sind der ehemalige Megabike-Pavillon am Alten Markt und aufgelassene Räume in der Flämischen Straße. Die Fläche im Rotlichtviertel steht seit acht Jahren leer, soll ehedem ein Restaurant gewesen sein und erstreckt sich auf einer Fläche von 450 Quadratmetern.

Raum genug für eine klug inszenierte Gruppenausstellung federführend kuratiert von Muthesius-Absolventin Jihae An und ihren Mitstreitern Jakob Grebert, Ramona Kortyka und Lisa Dressler.
Lisa Dressler war es auch, die gestern bei der Präsentation des Futur3-Festivals die Botschaft ihrer Netzwerker in einer sendungsbewussten Mischung aus politischem Aktivismus und kämpferischer Haltung in die Runde warf. Man wolle nicht länger warten, bis irgendetwas passiere und habe darum das „Netzwerk für revolutionäre Ungeduld“ gegründet, sagte sie.

Dieses erste Festival hätten die Beteiligten mit ungeheuer viel Eigeninitiative und unbezahlt auf die Beine gestellt. „Und wenn es keine Unterstützung gibt, kann ein solches Festival nicht noch einmal stattfinden“, so Lisa Dressler. Die Drohgebärde verpuffte vielleicht angesichts der zahlreichen Helfer, Sponsoren und Unterstützer, allen voran Muthesius Kunsthochschule, Kiel-Marketing oder Kunstverein Haus 8, die der Unternehmung hilfreich unter die Arme gegriffen haben. Dirk Mirow machte als Kanzler der Hochschule deutlich, dass es eben nicht darum gehe, solche Leerstände in der Stadt dauerhaft zu besetzen. „Wir ermutigen die Studierenden rauszugehen, abseits vom White Cube zu agieren und sich den öffentlichen Raum zurückzuerobern.“

Das soll in den kommenden acht Tagen passieren: Das Programm im Pavillon führt Performance, Livemusik mit DJs, Lesungen mit Hamburger Gästen, ein Live-Radioprogramm, das aus dem ehemaligen Popshop hervorgegangen ist, eine Kunstpreisverleihung und Interventionen rund um den Alten Markt. Schauplätze dafür sind Schaufenster des leerstehenden Schuhgeschäffts Leiser in der Holstenstraße und ein aufgegebener Blumenladen am Markt.

Den Leerstand nutzen: „Futur 3“ bringt Kunst in die Innenstadt“
shz.de, Flensburger Tageblatt – 19.Okt.2017

Der Leerstand im Kieler Zentrum macht erfinderisch. In zwei früheren Geschäftsräumen ziehen für eine Woche die jungen wilden Kreativen ein. Ein Zusammenschluss namens „Netzwerk für Revolutionäre Ungeduld“ organisiert ein Festival namens „Futur 3“.

Jahrelang war hier ein Fahrradladen untergebracht inklusive der Werkstatt. Vorher wurde hier mit Textilien gehandelt. Und noch viel früher – ältere Menschen erinnern sich – verkaufte an dieser Stelle der angesehene Laden von Kihr Goebel Schallplatten und Geräte der Unterhaltungselektronik.

Seit geraumer Zeit steht der Pavillon am Alten Markt in der Kieler Innenstadt leer, heute aber wird er für eine Woche zum Zentrum eines Kunst-Projektes. Des ersten „Futuristischen Festivals“ in Kiel, wie Ursula Schmitz-Bünder sagt, die Pressesprecherin der Muthesius-Kunsthochschule.

Muthesius-Absolventen und andere kreative Menschen haben sich im „Netzwerk Revolutionäre Ungeduld“ zusammengefunden. Dichter und Keramiker, Filmemacher und Maler, Musiker und Aktionskünstler suchen die öffentliche Präsentation und die öffentliche Debatte. Zugute kam ihnen der Leerstand im Kieler Zentrum. Janine-Christine Streu, Innenstadt-Managerin bei Kiel-Marketing, sucht stets nach sinnvollen Zwischennutzungen für die Räumlichkeiten. Schon um die Atraktivität zu steigern.

Herausgekommen ist jetzt das Festival „Futur 3“. Neun Tage lang, von heute bis Sonnabend, 28. Oktober, stehen die Türen des Pavillons auf dem Alten Markt und der benachbarten Räume eines ehemaligen Lokals an der Flämischen Straße Passanten offen. Jeweils von 12 bis 18 Uhr. Höhepunkt ist am Donnerstag, 26. Oktober, um 20 Uhr die Verleihung des ersten „EverybodyWantsArt Award“. Der Name ist Programm. Die beteiligten Kreativen sind überzeugt, dass eigentlich Jedermann Kunst möchte.

Dirk Mirow, der Muthesius-Kanzler, drückte es so aus: „Wir erreichen mit dem Festival kunstferne Menschen.“ Schmunzelnd fügte er hinzu: „Irgendwann nehmen wir dann das Rathaus in Beschlag.“